15

Ich habe ja schon einige Vorbereitungssitzungen mit Flavius, Venia und Octavia hinter mir, weshalb das für mich eigentlich alles Routine sein müsste, die ich nur irgendwie überstehen muss. Aber die emotionale Tortur, die mich diesmal erwartet, habe ich nicht vorausgesehen. Mindestens zweimal im Verlauf der Vorbereitung bricht jeder von ihnen in Tränen aus und Octavia wimmert den ganzen Vormittag über vor sich hin. Offenbar haben sie mich tatsächlich ins Herz geschlossen, und die Vorstellung, dass ich noch einmal in die Arena zurückmuss, macht sie völlig fertig. Dass sie zusammen mit mir auch die Zutrittsberechtigung zu all den großen gesellschaftlichen Anlässen - insbesondere meiner Hochzeit - verlieren werden, macht es vollends unerträglich. Der Gedanke, für einen anderen stark zu sein, ist ihnen noch nie gekommen, und daher bin jetzt plötzlich ich es, die sie trösten muss. Das nervt ein bisschen, schließlich soll ich mich abschlachten lassen, nicht sie.

Aber es ist doch interessant, was Peeta über den Diener im Zug gesagt hat - er sei nicht glücklich darüber, dass die Sieger noch mal kämpfen müssen. Und es gebe auch Leute im Kapitol, die das nicht gut fänden. Meiner Meinung nach wird all das zwar vergessen sein, sobald der Gong ertönt und die Spiele beginnen, aber dass die Leute im Kapitol überhaupt etwas für uns empfinden, ist schon eine kleine Offenbarung. Mit anzusehen, wie Jahr für Jahr aufs Neue junge Menschen getötet werden, bereitet ihnen anscheinend keinerlei Problem. Aber über die Sieger und besonders über die, die seit ewigen Zeiten Berühmtheiten sind, wissen sie vielleicht zu viel, um zu vergessen, dass wir auch Menschen sind. Plötzlich müssen sie selbst den eigenen Freunden beim Sterben zusehen. Als hätten sich die Distrikte die Spiele ausgedacht!

Als Cinna sich blicken lässt, bin ich vom vielen Trösten gereizt und erschöpft, vor allem, weil das ständige Geheule mich an die Tränen erinnert, die zweifellos zu Hause um uns vergossen werden. Wie ich so in meinem dünnen Gewand dastehe und auf der Haut und im Herzen die Stiche spüre, wird mir bewusst, dass ich noch so einen mideidvollen Blick nicht ertrage. Deshalb blaffe ich Cinna, als er durch die Tür kommt, sofort an: »Wenn du jetzt auch noch weinst, bringe ich dich auf der Stelle um, das schwöre ich.«

Cinna lächelt nur. »War's feucht heute Vormittag, oder was?«

»Du könntest mich auswringen«, erwidere ich.

Cinna legt mir den Arm um die Schultern und führt mich an den Mittagstisch. »Keine Bange. Ich lasse meine Gefühle nur in meine Arbeit einfließen. Auf diese Weise tue ich niemandem weh außer mir selbst.«

»Ich steh das nicht noch mal durch«, warne ich ihn.

»Ich weiß. Ich werde mit ihnen reden«, sagt Cinna.

Das Mittagessen tut mir gut. Fasan in juwelenfarbenem Aspik, Miniaturausgaben echter Gemüse, in Butter geschwenkt, sowie Kartoffelbrei mit Petersilie. Zum Nachtisch tunken wir Obststücke in einen Topf mit flüssiger Schokolade. Ich löffele das Zeug pur in mich hinein, sodass Cinna einen zweiten Topf bestellen muss.

»Und was werden wir bei der Eröffnungsfeier tragen?«, frage ich schließlich, während ich den zweiten Topf auskratze. »Stirnlampen oder Feuer?« Ich weiß, dass Peeta und ich während der Wagenparade irgendetwas an uns haben müssen, das mit Kohle zu tun hat.

»Etwas in der Art«, sagt Cinna.

Als es Zeit ist, die Kostüme für die Eröffnungsfeier anzulegen, erscheint mein Vorbereitungsteam wieder, doch Cinna schickt sie fort mit der Bemerkung, sie hätten ihren Job am Vormittag so fantastisch erledigt, dass nichts mehr zu tun sei. Dankbar ziehen sie sich zurück, um sich zu erholen, und überlassen mich Cinnas Händen. Als Erstes steckt er mein Haar in Zöpfen hoch, wie meine Mutter es gezeigt hat, dann widmet er sich meinem Make-up. Letztes Jahr hat er nur sehr wenig benutzt, damit das Publikum mich in der Arena wiedererkennt. Doch jetzt wirkt mein Gesicht mit den dramatischen Highlights und dunklen Schatten ganz fremd. Stark gewölbte Augenbrauen, markante Wangenknochen, glühende Augen, tiefviolette Lippen. Mein Outfit macht auf den ersten Blick nicht viel her, ein maßgeschneiderter schwarzer Overall, der mich vom Hals abwärts umschließt, mehr nicht. Cinna setzt mir eine halbe Krone auf den Kopf, die so aussieht wie die Krone, die ich als Siegerin aufgesetzt bekommen habe, nur dass diese hier nicht aus Gold ist, sondern aus schwerem schwarzem Metall. Dann dimmt er das Licht im Raum zu einem Halbdunkel und drückt auf einen Knopf im Stoff unten am Ärmel. Ich schaue nach unten und sehe fasziniert, wie mein Kostüm langsam zum Leben erwacht, ein sanftes goldenes Licht, das sich nach und nach in das Orangerot eines Kohlenfeuers verwandelt. Ich sehe aus, als wäre ich in glühende Kohle gekleidet - nein, ich bin ein Stück glühende Kohle aus dem Kamin. Die Farben werden heller und dunkler, wechseln und verschmelzen, wie bei Kohle.

»Wie hast du das denn hingekriegt?«, frage ich staunend.

»Portia und ich haben viele Stunden ins Feuer geguckt«, sagt Cinna. »Jetzt kannst du dich anschauen.«

Er dreht mich zu einem Spiegel hin, damit ich die Wirkung im Ganzen erkennen kann. Was ich sehe, ist kein Mädchen und auch keine Frau, sondern eine überirdische Erscheinung, die aussieht, als wäre sie in dem Vulkan zu Hause, der bei Haymitchs Jubiläumsspielen so viele Tribute vernichtet hat. Die schwarze Krone, die nun glühend rot ist, wirft seltsame Schatten auf mein dramatisch geschminktes Gesicht. Katniss, das Mädchen, das in Flammen stand, hat Feuerzungen, juwelenverzierte Umhänge und sanfte Kerzenlichtkleider abgelegt. Sie ist so gefährlich wie das Feuer selbst.

»Ich glaube ... genau das habe ich gebraucht, um den anderen gegenüberzutreten«, sage ich.

»Ja, ich finde, die Zeit der roten Lippenstifte und Haarbänder liegt hinter dir«, sagt Cinna. Er berührt den Knopf an meinem Ärmel noch einmal und löscht das Licht. »Damit die Batterie nicht zu sehr strapaziert wird. Wenn du diesmal auf dem Wagen stehst, dann kein Winken, kein Lächeln. Ich möchte, dass du nur geradeaus schaust, als würdest du all die Zuschauer gar nicht wahrnehmen.«

»Endlich mal etwas, was ich gut kann«, sage ich.

Cinna muss sich noch um Verschiedenes kümmern, deshalb beschließe ich, ins Erdgeschoss des Erneuerungsstudios hinunterzufahren, wo die Tribute und ihre Wagen in einer riesigen Halle daraufwarten, dass die Eröffnungsfeier beginnt. Ich hatte gehofft, dort Peeta und Haymitch zu treffen, aber sie sind noch nicht da. Anders als letztes Jahr, als die Tribute praktisch an ihren Wagen klebten und keinen Kontakt suchten, geht es diesmal regelrecht gesellig zu. Die Sieger, also die Jubiläumstribute und ihre Mentoren, stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Natürlich, sie kennen sich ja alle, nur ich kenne niemanden, aber ich bin sowieso nicht der Typ, der herumgeht und sich vorstellt. Deshalb tätschele ich nur einem meiner Pferde den Rücken und versuche, nicht aufzufallen.

Klappt aber nicht.

Ich höre ein krachendes Kauen, noch ehe ich merke, dass er neben mir steht: Ich drehe den Kopf und da sind die berühmten meergrünen Augen von Finnick Odair nur wenige Zentimeter von meinen entfernt. Er wirft sich noch einen Zuckerwürfel in den Mund und lehnt sich gegen mein Pferd.

»Hallo, Katniss«, sagt er, als würden wir uns seit Jahren kennen. Dabei sind wir uns noch nie begegnet.

»Hallo, Finnick«, sage ich beiläufig, obwohl mir in seiner Nähe unwohl ist, besonders weil er so viel nackte Haut zeigt.

»Möchtest du einen?«, fragt er und hält mir die Hand hin, auf der ein ganzer Berg Zuckerwürfel liegt. »Sind eigentlich für die Pferde, aber was soll's? Sie haben noch viele Jahre Zeit, Zucker zu essen, während du und ich ... na, wir zwei sollten ja wohl besser zugreifen, wenn wir was Süßes sehen.«

Finnick Odair ist eine Art lebende Legende in Panem. Mit vierzehn hat er die fünfundsechzigsten Hungerspiele gewonnen, und deshalb ist er immer noch einer der jüngsten Sieger überhaupt. Er stammt aus Distrikt 4 und war ein Karrieretribut, weshalb die Chancen sowieso gut für ihn standen. Aber was kein Trainer für sich verbuchen konnte, war Finnicks außergewöhnliche Schönheit. Groß gewachsen, athletisch, mit goldener Haut und bronzefarbenem Haar und diesen unglaublichen Augen. Während andere Tribute dieses Jahrgangs von den Sponsoren kaum mal eine Handvoll Getreide oder Streichhölzer geschenkt bekamen, mangelte es Finnick weder an Essen noch an Medikamenten oder Waffen. Als seine Konkurrenten nach einer Woche endlich begriffen hatten, dass sie vor allem ihn töten mussten, war es schon zu spät. Mit den Speeren und Messern, die er im Füllhorn gefunden hatte, konnte er schon geschickt umgehen. Aber als er einen silbernen Fallschirm mit einem Dreizack bekam - wohl das teuerste Geschenk, das ich je gesehen habe -, war die Sache gelaufen. Distrikt 4 lebt für die Fischerei. Sein ganzes Leben hat Finnick auf Booten verbracht. Der Dreizack war eine natürliche, tödliche Verlängerung seines Arms. Aus Lianen knüpfte er ein Netz, wickelte seine Gegner darin ein und durchbohrte sie mit dem Dreizack. Innerhalb weniger Tage hatte er die Krone errungen.

Seitdem waren die Bewohner des Kapitols ihm verfallen.

Aufgrund seiner Jugend durften sie ihn in den ersten ein, zwei Jahren nicht anrühren. Aber seit er sechzehn ist, wird er während seiner alljährlichen Aufenthalte im Rahmen der Hungerspiele von glühenden Verehrerinnen geradezu belagert. Keiner schenkt er seine Gunst lange. Manchmal hat er in einem Jahr vier oder fünf Liebschaften nacheinander. Ob alt oder jung, hübsch oder hässlich, reich oder megareich - er leistet ihnen Gesellschaft und nimmt ihre extravaganten Geschenke an, aber er bleibt nie, und wenn er einmal fort ist, kommt er nie zurück.

Ich kann nicht bestreiten, dass Finnick einer der umwerfendsten und sinnlichsten Menschen auf unserem Planeten ist. Und doch ist es die Wahrheit, wenn ich sage, dass ich ihn nie anziehend fand. Vielleicht, weil er zu hübsch ist, vielleicht auch, weil er zu leicht zu haben ist - oder zu leicht zu verlieren.

»Nein danke«, sage ich zu dem angebotenen Zucker. »Aber dein Outfit würd ich mir gern irgendwann mal ausleihen.«

Er ist nur in ein goldenes Netz gehüllt, das geschickt in der Leiste zusammengeknotet ist, sodass man ihn streng genommen nicht als nackt bezeichnen kann. Viel nackter könnte er aber nicht sein. Sein Stylist hält es offenbar für vorteilhaft, wenn das Publikum so viel wie möglich von Finnick zu sehen bekommt.

»In dieser Aufmachung jagst du mir echt Angst ein. Was ist aus den hübschen Kleinmädchen-Kleidern geworden?«, fragt er. Er benetzt mit der Zunge leicht die Lippen. Wahrscheinlich macht das die meisten Leute völlig verrückt. Aber aus irgendeinem Grund muss ich an den alten Cray denken, der über einer armen, hungernden jungen Frau geifert.

»Bin rausgewachsen«, sage ich.

Finnick fasst an den Kragen meines Overalls und reibt den Stoff zwischen den Fingern. »Zu dumm, diese Sache mit dem Jubiläum. Du hättest im Kapitol wie die Made im Speck leben können. Schmuck, Geld, alles, was du willst.«

»Ich mag keinen Schmuck, und Geld habe ich mehr, als ich ausgeben kann. Wofür gibst du deins denn so aus, Finnick?«, frage ich ihn.

»Och, mit so gewöhnlichen Dingen wie Geld habe ich seit einer Ewigkeit nichts mehr am Hut«, antwortet er.

»Und womit lässt du dir dann das Vergnügen deiner Gesellschaft vergüten?«, frage ich.

»Mit Geheimnissen«, sagt er sanft. Er neigt den Kopf nach vorn, sodass sich unsere Lippen fast berühren. »Was ist eigentlich mit dir, Mädchen in Flammen? Hast du irgendwelche Geheimnisse, die meine Zeit wert wären?«

Aus irgendeinem albernen Grund werde ich rot, aber ich zwinge mich, nicht zurückzuweichen. »Nein, ich bin ein offenes Buch«, flüstere ich zurück. »Anscheinend glaubt jeder, meine Geheimnisse zu kennen, bevor ich selbst sie kenne.«

Er lächelt. »So leid es mir tut - aber ich glaube, das stimmt.« Sein Blick zuckt zur Seite. »Da kommt Peeta. Schade, dass ihr eure Hochzeit abblasen müsst. Ich weiß, wie niederschmetternd das für dich sein muss.« Er wirft sich noch einen Zuckerwürfel in den Mund und schlendert davon.

Peeta stellt sich neben mich, er ist genauso gekleidet wie ich. »Was wollte der denn?«, fragt er.

Ich drehe mich um, bringe meine Lippen ganz nah an Peetas und senke die Lider genau wie Finnick. »Er hat mir Zucker angeboten und wollte alle meine Geheimnisse erfahren«, sage ich, so verführerisch ich kann.

Peeta lacht. »Igitt. Das gibt's doch nicht.«

»Oh doch«, antworte ich. »Den Rest erzähl ich dir, wenn die Gänsehaut weg ist.«

»Meinst du, wenn nur einer von uns beiden gewonnen hätte, wären wir auch so geendet?«, fragt er und wirft einen Blick auf die anderen Sieger. »Als Teil dieser Freakshowr?«

»Na klar. Vor allem du«, sage ich.

»Ach, und warum vor allem ich?«, fragt er und lächelt.

»Weil du eine Schwäche für die schönen Dinge hast und ich nicht«, sage ich mit einem Anflug von Überlegenheit. »Wenn sie dich mit der Lebensart des Kapitols locken würden, wärst du vollkommen verloren.«

»Einen Sinn für Schönheit zu haben, ist doch keine Schwäche«, sagt Peeta. »Außer vielleicht, was dich betrifft.« Die Musik beginnt, die großen Tore öffnen sich für den ersten Wagen, die Menge tobt. »Wollen wir?« Er reicht mir die Hand und hilft mir auf den Wagen.

Ich klettere hinauf und ziehe ihn nach. »Halt still«, sage ich und richte seine Krone. »Hast du deinen Overall in eingeschaltetem Zustand gesehen? Wir werden wieder fantastisch aussehen.«

»Und ob. Portia sagt, wir sollen diesmal über allem stehen. Kein Winken oder so was«, sagt er. »Wo stecken die beiden eigentlich?«

»Ich weiß nicht.« Ich suche die Prozession der Wagen ab. »Vielleicht sollten wir uns lieber selbst einschalten.« Das tun wir, und sobald wir aufleuchten, deuten die anderen auf uns und fangen an zu tuscheln. Ich weiß, dass wir auch diesmal das Gesprächsthema Nummer eins der Eröffnungsfeier sein werden. Wir sind fast am Tor. Ich recke den Hals, doch weder Portia noch Cinna, die voriges Jahr bis zur letzten Sekunde bei uns waren, sind irgendwo zu sehen. »Sollen wir dieses Jahr auch Händchen halten?«, frage ich.

»Ich glaube, das wollen sie uns überlassen«, sagt Peeta.

Ich schaue in diese blauen Augen, die kein noch so dramatisches Make-up gefährlich erscheinen lassen kann, und denke daran, dass ich noch vor einem Jahr bereit war, ihn zu töten. Weil ich überzeugt war, dass er versuchen würde, mich zu töten. Nun ist es genau umgekehrt. Ich bin entschlossen, ihn zu retten, und ich weiß, dass es mich mein eigenes Leben kosten wird, aber der Teil von mir, der nicht so tapfer ist, wie ich es gern hätte, ist froh, dass jetzt Peeta neben mir steht und nicht Haymitch. Ohne weitere Diskussion finden sich unsere Hände. Keine Frage, wir werden uns dieser Sache gemeinsam stellen.

Als wir in die Abenddämmerung hinausrollen, bricht die Menge in Geschrei aus, aber keiner von uns beiden reagiert. Ich starre einfach auf einen Punkt in der Ferne und tue so, als gäbe es keine Zuschauer, keine Hysterie. Unwillkürlich fällt mein Blick auf die riesigen Bildschirme entlang der Strecke und ich erhasche ein paar Bilder von uns: Wir sind nicht nur schön, wir sind düster, mächtig. Mehr noch. Das tragische Liebespaar aus Distrikt 12, das so viel gelitten hat und die Früchte des Sieges so wenig hat auskosten dürfen, sucht nicht nach der Gunst der Fans, schenkt ihnen kein Lächeln, fängt nicht ihre Küsse auf. Wir sind unversöhnlich.

Und ich genieße es. Endlich mal ich selbst sein.

Als wir in den Kreisverkehr des Zentralen Platzes einbiegen, stelle ich fest, dass ein paar von den anderen Stylisten Cinnas und Portias Idee geklaut und ihre Tribute beleuchtet haben. Die mit kleinen elektrischen Lämpchen übersäten Outfits aus Distrikt 3, wo Elektronik hergestellt wird, haben ja noch einen gewissen Sinn. Aber die Viehhüter aus Distrikt 10, die angezogen sind wie Kühe mit brennenden Gurten um den Bauch? Wollen die sich selbst grillen? Lächerlich.

Peeta und ich dagegen in unserem sich dauernd verändernden Kohle-Kostüm wirken so hypnotisierend, dass die meisten anderen Tribute uns nur anstarren. Besonders fasziniert ist offenbar das Paar aus Distrikt 6, von dem bekannt ist, dass sie Morfixer sind: beide klapperdürr und mit schlaffer gelblicher Haut. Sie können die übergroßen Augen gar nicht abwenden, selbst dann nicht, als Präsident Snow auf seinem Balkon zu reden beginnt und uns alle zum Jubel-Jubiläum willkommen heißt. Die Hymne erklingt, und während wir das letzte Stück fahren - irre ich mich? Oder starrt sogar der Präsident mich an?

Peeta und ich warten, bis die Tore des Trainingscenters sich wieder hinter uns geschlossen haben. Erst dann entspannen wir uns. Cinna und Portia erwarten uns, sie sind angetan von unserem Auftritt, und dieses Jahr ist sogar Haymitch erschienen, nur dass er nicht zu uns kommt, sondern am Wagen von Distrikt 11 steht. Ich sehe, wie er in unsere Richtung nickt, und dann kommen sie allesamt herüber, um uns zu begrüßen.

Chaff kenne ich vom Sehen, ich habe jahrelang im Fernsehen verfolgt, wie er sich mit Haymitch die Flasche teilt. Er ist dunkelhäutig, gut eins achtzig groß, und einer seiner Arme endet in einem Stumpf, weil er die dazugehörige Hand in den Hungerspielen verloren hat, die er vor dreißig Jahren gewann. Bestimmt hat man ihm künstlichen Ersatz angeboten wie Peeta, als dem der Unterschenkel amputiert werden musste, aber wie es aussieht, hat er abgelehnt.

Die Frau, Seeder, sieht mit ihrer olivfarbenen Haut und dem glatten schwarzen Haar mit den silbernen Strähnen fast aus, als stammte sie aus dem Saum. Nur ihre goldbraunen Augen verraten den fremden Distrikt. Sie dürfte um die sechzig sein, aber sie sieht immer noch stark aus, und nichts deutet darauf hin, dass sie sich über die Jahre in Alkohol oder Morfix oder sonst eine chemische Substanz geflüchtet hätte. Bevor einer von uns etwas sagen kann, umarmt sie mich. Wegen Rue und Thresh, denke ich. Ich kann mich nicht bremsen und flüstere: »Und was ist mit den Familien?«

»Sie leben«, erwidert sie sanft und lässt mich los.

Chaff schlingt seinen gesunden Arm um mich und drückt mir einen Schmatz direkt auf den Mund. Erschrocken zucke ich zurück, während er und Haymitch schallend loslachen.

Mehr Zeit bleibt uns nicht, denn die Bediensteten des Kapitols scheuchen uns in Richtung Aufzüge. Ich habe den Eindruck, dass ihnen eine solche Verbrüderung unter den Siegern nicht recht ist, aber denen ist das vollkommen egal. Während ich mich, immer noch Hand in Hand mit Peeta, auf den Weg zu den Aufzügen mache, pirscht sich noch jemand an mich heran, eine junge Frau, die ihre Kopfbedeckung aus Blätterzweigen abzieht und achtlos hinter sich wirft.

Johanna Mason. Aus Distrikt 7. Holz und Papier, deshalb das Geäst. Sie hat ihre Spiele gewonnen, indem sie sich sehr überzeugend als schwach und hilflos darstellte, sodass die anderen sie weitgehend ignorierten. Aber dann bewies sie ein gemeines Talent zum Morden. Sie fährt sich durchs dornige Haar und verdreht die weit auseinanderstehenden braunen Augen. »Ist das nicht ein grässliches Kostüm? Ich habe die dämlichste Stylistin des Kapitols. Seit vierzig Jahren staffiert sie unsere Tribute als Bäume aus. Ich hätte auch mal gern so einen wie Cinna. Du siehst fantastisch aus.«

Mädchengeplapper. Was ich schon immer schlecht konnte. Meinungen äußern über Kleidung, Haare, Make-up. Also lüge ich. »Ja, er hat mir geholfen, meine eigene Kleiderkollektion zu entwerfen. Du müsstest mal sehen, was er aus Samt alles machen kann.« Samt. Der einzige Stoff, der mir auf die Schnelle eingefallen ist.

»Hab ich. Auf deiner Siegertour. Das Schulterfreie, das du in Distrikt 2 anhattest? Das Tiefblaue mit den Diamanten? Es war so umwerfend, dass ich am liebsten durch den Bildschirm gegriffen und es dir vom Leib gerissen hätte«, sagt Johanna.

Das glaube ich gern, denke ich. Und ein paar Zentimeter meines Fleisches gleich mit.

Während wir auf die Aufzüge warten, schält Johanna sich aus dem Rest ihres Baums, lässt ihn zu Boden fallen und kickt ihn angewidert weg. Bis auf ihre waldgrünen Slipper trägt sie jetzt keinen Fetzen mehr am Leib. »So ist's besser.«

Wir fahren im selben Aufzug, und die ganze Fahrt bis in den siebten Stock plaudert sie mit Peeta über seine Gemälde, während das Licht seines noch immer glühenden Kostüms von ihren nackten Brüsten reflektiert wird. Als sie ausgestiegen ist, tue ich so, als wäre nichts, aber ich weiß, dass er grinst. Erst als sich die Tür hinter Chaff und Seeder schließt und wir allein sind, stoße ich seine Hand weg. Er prustet los.

»Was ist?«, fahre ich ihn an, als wir auf den Gang treten.

»Das ist deinetwegen, Katniss. Merkst du das nicht?«, sagt er.

»Was ist meinetwegen?«, frage ich zurück.

»Na, dass die sich alle so benehmen. Finnick mit seinen Zuckerwürfeln und Chaff, der dich küsst, und der Striptease von Johanna.« Er versucht, etwas ernsthafter zu klingen, aber es will ihm nicht gelingen. »Sie spielen mit dir, weil du so ... du weißt schon.«

»Nein, weiß ich nicht«, sage ich. Ich habe wirklich keinen Schimmer, wovon er redet.

»Na, damals in der Arena, da wolltest du mich nicht mal nackt angucken, als ich schon halb tot war. Du bist so ... rein«, sagt er schließlich.

»Bin ich nicht!«, entgegne ich. »Letztes Jahr habe ich dir doch jedes Mal, wenn eine Kamera in der Nähe war, die Kleider vom Leib gerissen!«

»Schon, aber ... ich meine, für das Kapitol bist du rein«, sagt er beschwichtigend. »Für mich bist du genau richtig. Sie wollen dich nur ein bisschen aufziehen.«

»Nein, die wollen sich über mich lustig machen, genau wie du!«, rufe ich.

»Nein.« Peeta schüttelt den Kopf, aber er unterdrückt noch immer ein Lächeln. Ich bin drauf und dran, noch mal zu überdenken, wer von uns beiden lebend aus diesen Spielen rauskommen soll, als sich der andere Aufzug öffnet.

Haymitch und Effie gesellen sich zu uns und sehen irgendwie zufrieden aus. Plötzlich verhärtet sich Haymitchs Gesichtsausdruck.

Was habe ich jetzt schon wieder angestellt?, will ich gerade sagen, aber da merke ich, dass er über meine Schulter hinweg auf den Eingang zum Speisesaal starrt.

Effie guckt in die gleiche Richtung, doch sie strahlt, als sie sagt: »Offenbar bekommt ihr dieses Jahr zwei im Partnerlook.«

Ich drehe mich um und sehe das rothaarige Avoxmädchen, das mich letztes Jahr bis zum Beginn der Spiele bedient hat. Ich freue mich schon, hier eine Freundin zu haben, als mir auffällt, dass der junge Mann neben ihr, auch ein Avox, ebenfalls rotes Haar hat. Das muss Effie mit Partnerlook gemeint haben.

Dann überläuft mich ein Schauer. Ihn kenne ich auch. Nicht aus dem Kapitol, sondern vom Hob, wo wir all die Jahre miteinander geplaudert und bei einer Suppe von Greasy Sae gescherzt haben, und von diesem letzten Tag, als er bewusstios auf dem Platz lag, während Gale zu verbluten drohte.

Unser neuer Avox ist Darius.